Ein Stolperstein für Erika Köhler

Gemeinsam mit 8 Schülerinnen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Nossen recherchiert der Erich-Zeigner-Haus e.V.  in regelmäßigen Projekttreffen seit Sommer 2023 die Biografie und das Schicksal von Erika Köhler aus Nossen.

Erika Köhler wurde am 26. November 1941 in Nossen geboren. Sie wohnte zusammen mit ihrer Mutter Elisabeth Frieda Köhler auf der Dresdner Straße 41. Ihr Vater, Erich Köhler, war als Soldat im Zweiten Weltkrieg in Russland stationiert und galt dort als „verschollen“.

Als Frühgeburt hatte Erika Köhler mit körperlichen Einschränkungen zu kämpfen und litt an epileptischen
Anfällen. Ihr betreuender Arzt in Nossen empfahl der Mutter die stationäre Behandlung in der Heil- und Pflegeanstalt in Großschweidnitz. Am 10. April 1945 erfolgte die Einweisung in der dortigen „Kinderfachabteilung“. Nur 11 Tage später, am 21. April 1945, starb Erika Köhler im Alter von drei Jahren. Als Todesursache wurde in der Krankenakte „Bronchitis“ vermerkt. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass Erika Köhler gezielt getötet wurde. In einem Schreiben der Mutter an die Anstaltsdirektion aus dem Jahr 1946 äußert sie einen ähnlichen Verdacht:
Wenn Sie sich weiter in Schweigen hüllen, so muss ich annehmen das auch mein Kind mit Gewalt beseitigt worden ist.

Die Expertinnen und Experten der Gedenkstätte Großschweidnitz bestätigen Erika Köhler als Opfer der sogenannten „Kindereuthanasie“. Der Begriff beschreibt die im Nationalsozialismus organisierte Tötung geistig und körperlich behinderter Kinder und Jugendlicher sowie solcher mit „auffälligem Verhalten“. Anfangs betraf die Meldepflicht Kinder bis zum Alter von drei Jahren, später wurden auch ältere Kinder erfasst. Die gemeldeten Kinder wurden in sogenannte „Kinderfachabteilungen“ eingeliefert und dort nach einer kurzen Beobachtungszeit häufig durch Nahrungsentzugoder Medikamente getötet. Bis Kriegsende fielen der „Kindereuthanasie“ in Deutschland mindestens 5 000 Kinder zum Opfer.

In Sachsen bestanden seit 1939 „Kinderfachabteilungen“ an der Universitätskinderklinik Leipzig und an der Landesanstalt Leipzig-Dösen. Nach dem Bombenangriff auf Leipzig im Dezember 1943 wurde die von Dr. Arthur Mittag geleitete Dösener Kinderfachabteilung nach Großschweidnitz verlegt. Die Kinder wurden in der Regel durch Dr. Mittag begutachtet. Auch in der Akte von Erika Köhler findet sich der Verweis auf eine Beurteilung durch Dr. Mittag. Genügten die Kinder dem Kriterium späterer Brauchbarkeit, wurde ein Therapieversuch unternommen. Erika Köhler hingegen galt aufgrund ihrer Beeinträchtigungen und der epileptischen Anfälle im Sinne der NS-Ideologie als „unbrauchbar“ und „lebensunwert“. Dr. Mittag entschied direkt vor Ort über die Tötung, solche Fälle
lassen sich insbesondere in den letzten Kriegsmonaten häufiger feststellen. Tatsächlich stirbt Erika Köhler bereits wenige Tage nach ihrer Aufnahme, was eine gezielte Tötung und ein eigenmächtiges Handeln Dr. Mittags nahelegt.

Dr. Mittag gab 1946 zu, dass er in Dösen und Großschweidnitz die Tötung von ungefähr 800 Kindern angeordnet habe. Erika Köhler war eines davon. Deshalb möchten die Gruppe mit einem Stolperstein in der Dresdner Straße 41 in Nossen an sie erinnern.

Die Projektgruppe aus dem Geschwister-Scholl-Gymnasium Nossen

Öffentliche Projektvorstellung zum Tag der offenen Tür am 27.01.2024. Interessierte Bürger:innen konnten sich an diesem Tag über das Projekt informieren, Fragen stellen sowie für das Projekt spenden.

Am 06.02.2024 absolvierte die Projektgruppe eine Exkursion in die Gedenkstätte Großschweidnitz und beschäftigte sich im Rahmen einer Führung durch die Ausstellung und eines Workshops mit dem Thema „Kindereuthanasie“ im Nationalsozialismus.