Fünf Stolpersteine für Gerda Taro / Familie Pohorylle

Seit Frühjahr 2023 recherchiert eine Projektgruppe von 12 Schüler*innen der 12. Klassenstufe der Gerda-Taro-Schule in Leipzig in regelmäßigen Projekttreffen gemeinsam mit dem Erich-Zeigner-Haus e.V. die Biografien und die Schickale der berühmten Fotografin Gerta Pohorylle / Gerda Taro und ihrer Familienangehörigen. Zur Familie gehörten neben Gerta, die Eltern Gittel und Hirsch Pohorylle sowie die beiden jüngeren Brüder Oskar und Karl Pohorylle.

Gerda Taro wurde am 01.08.1910 als Gerta Pohorylle als Tochter einer jüdischen Unternehmerfamilie in Stuttgart geboren. Im August 1929 zog sie mit ihrer Familie in die Springerstraße 32 nach Leipzig. Hier setzte sie sich schon in jungen Jahren politisch im „sozialistischen Schülerbund“ und in der „Roten Schülergewerkschaft“ ein. Ihr Engagement baute auf einem starken Gerechtigkeitssinn und der Abneigung gegen die Nationalsozialisten. Sie war gegen Diskriminierung und Antisemitismus ohne dabei aktiv in einer Partei Mitglied gewesen zu sein.

Mit der Machtübernahme Hitlers im Januar 1933 begann die Verfolgung politischer Gegner. So wurde auch Gerta am 18. März 1933 aufgrund des politischen Widerstands ihrer Brüder für 17 Tage von der SA in Schutzhaft genommen. Doch auch sie selbst beteiligte sich an Flugblattaktionen gegen das Nazi-Regime.

Aus Angst vor weiteren Repressionen floh Gerta Pohorylle ins Pariser Exil. Dort lernte sie 1934 den ungarischen Emigranten und Fotografen André Friedmann kennen. Als Gegenleistung dafür, dass Gerda in ihrer Freizeit Artikel für André Friedmanns Bilder verfasste, brachte er ihr das Fotografieren und Entwickeln bei. Sie waren nicht nur Kollegen, sondern führten auch im privaten Leben eine Partnerschaft.

Um von der Fotografie leben zu können, mussten nicht nur ihre Bilder eine Marke repräsentieren, auch ihre Namen mussten zur „Marke“ werden. So wurde aus Gerta Pohorylle das Psyeudonym „Gerda Taro“ und aus Andre Friedmann „Robert Capa“.

Mit Beginn des spanischen Bürgerkriegs im Juli 1936 bot sich die Möglichkeit, dem Faschismus in Europa entgegenzutreten. Am 5. August reiste das Paar schließlich nach Spanien, um die Gräuel des Krieges an der Zivilbevölkerung zu porträtieren. Ihre Bilder gingen um die Welt.

Am 25. Juli 1937 wollte sie ein letztes Mal an die Front, um den erneuten Befreiungsversuch Madrids mit ihren Bildern zu dokumentieren. Ihre letzten Fotografien zeigen brennende LKWs, die einem unerwarteten Bombenangriff zum Opfer fielen. Sie selbst starb an den Folgen einer schweren Verletzung, den sie aufgrund eines Unfalls an der Front erlitt.

Gerda Taro starb am 26. Juli 1937 im Alter von 27 Jahren.

Sie war eine der ersten Frauen, die den Beruf der Fotoreporterin ausübte und als Kriegsberichterstatterin die Welt schonungslos an der Wirklichkeit des spanischen Bürgerkriegs teilhaben ließ.

Das Schicksal der weiteren Familienangehörigen ist weniger erforscht. Nachdem die beiden Brüder aufgrund ihres politischen Widerstands untergetaucht waren, verließ die Familie 1935/1936 Leipzig mit den Zielen England und/oder Palästina. Diese Hoffnungen zerschlugen sich jedoch und der einzige Anlaufpunkt im Ausland bildeten die Verwandten der Mutter in Jugoslawien. Die Familie lebte ab dann bei den Großeltern in Petrovgrad, dem heutigen Zrenjanin (Serbien). Die Mutter Gittel Pohorylle verstarb bereits 1937.

Möglicherweise fühlten sich Hirsch Pohorylle, seine beiden Söhne und die weiteren Verwandten relativ sicher. Im Gegensatz zum kroatischen Teil des Landes hatte der Antisemitismus in Serbien keine Tradition. Doch die pro-deutsche Politik Jugoslawiens und der Zweite Weltkrieg veränderten die Situation brutal. »Nach dem deutschen Blitzfeldzug‹ vom 6. bis 17. April 1941 wurde Jugoslawien auf Weisung Hitlers ›als Staat‹ zerschlagen und unter Missachtung des Völkerrechts zwischen fünf ›Erwerberstaaten« aufgeteilt.

Die jüdische Bevölkerung war schlagartig Repressionen wie im Deutschen Reich ausgeliefert, und die Verfolgung der Juden eskalierte innerhalb kürzester Zeit. Als sich antifaschistische Widerstandsaktionen gegen die deutsche Besatzung häuften, wurde die Partisanenbekämpfung und die angestrebte Ausrottung der Juden bewusst miteinander verknüpft. Juden, Sinti und Roma und Kommunisten waren zu Tausenden in Lager interniert worden, wo sie als Geiseln bei sogenannten Vergeltungsmaßnahmen erschossen wurden. Die Verschleppung der jüdischen Männer aus Petrovgrad hatte im August 1941 angefangen. Sie wurden in ein Lager in einem Belgrader Vorort verbracht, wo sie als Geiseln bei Massenerschießungen ermordet wurden. Wann genau Gertas Vater Hirsch Pohorylle und die Brüder Oskar und Karl Pohorylle abgeholt und wann sie umgebracht wurden, ist nicht überliefert.

Die Stolpersteinverlegung für Gerda Taro, ihre Eltern und ihre Brüder findet am 07. März 2024, um 16 Uhr in der Springerstraße 38/40 (damalige Springerstraße 32) in Leipzig statt.

Gedenkstättenfahrt nach Berlin in die Gedenkstätte Deutscher Widerstand am 15.12.2023 mit der Projektgruppe aus der Gerda-Taro-Schule.