Neun Stolpersteine für die Familie Rotter

Vom 16. bis 20. August 2021 fand in Zusammenarbeit mit dem 1. FC Lokomotive Leipzig ein Jugendprojekt zu Ausgrenzung und Diskriminierung im Sport während der NS-Diktatur statt, in dessen Rahmen auch das Schicksal der jüdischen Familie Rotter recherchiert wurde. Die Mitglieder der Familie hatten insbesondere den jüdischen Sportklub „Bar Kochba Leipzig“ maßgeblich geprägt – so wirkten sie etwa als Mitglieder oder Fußballspieler im Sportklub mit. Alle Mitglieder der Familie waren auf die eine oder andere Weise von der Verfolgung durch das NS-Regime betroffen – durch Verhaftungen, Vertreibung/Flucht, Deportation und zum Teil auch durch Ermordung.

Die am Projekt teilnehmenden 13 und 14 Jahre alten Regionalliga-Kicker des 1. FC LOK schafften es durch eine intensive Arbeit mit originalen NS-Unterlagen, die Biografien der insgesamt neun Familienmitglieder zu rekonstruieren. Im kommenden Frühjahr (2022) soll das Projekt mit der Verlegung von insgesamt neun Stolpersteinen in Gedenken an die Mitglieder der Familie Rotter zu einem Abschluss kommen.

Verlegt werden Stolpersteine für Eugenie Rotter (geb. Hein) und ihre vier Söhne (Karl Josef, Otto, Fritz Egon und Curt Rotter). Des Weiteren soll Marianne Rotter (geb. Vogel), der Ehefrau von Otto Rotter, und ihren beiden Söhnen Heinz und Klaus-Adolf gedacht werden. Ein neunter Stolperstein wird für Minna Rotter (geb. Springer) verlegt, die mit Curt Rotter verheiratet gewesen war.

Eugenie Rotter (geb. Hein) wurde am 05.09.1875 in Zauchtel (Mähren) geboren, war mosaischen Glaubens und hatte die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit. Mit ihrem Ehemann, Adolf Rotter, bekam sie vier Söhne, mit denen sie gemeinsam eine Wohnung in der Frankfurter Straße 20 in Leipzig bewohnte. Nach dem Tod ihres Mannes wurde Eugenie Rotter zur alleinigen Inhaberin der Rauchwarengroßhandlung im Leipziger Zentrum erklärt, dessen Führung sie mit der Unterstützung ihrer Söhne übernahm. In den darauffolgenden Jahren war sie, wie auch der Rest ihrer Familie, immer wieder mit der zunehmenden „Arisierung“ konfrontiert, die Führung des Geschäftes und die Verwaltung der Finanzen wurde schwerer. Eugenie, die bereits im Dezember 1938 die Absicht gehabt hatte, auszuwandern, ließ ihre Wohnung in der Frankfurter Straße 20 im August 1939 zurück und entkam nach Frankreich. Bereits bald darauf, im Jahr 1942, verstarb sie in Paris. Die Umstände ihres Todes sind ungeklärt. Es ist jedoch bekannt, dass im gleichen Jahr auch ihr ältester Sohn, Otto Rotter mitsamt seiner Familie, bestehend aus seiner Ehefrau Marianne (geb. Vogel) und ihren beiden Söhnen Heinz und Klaus-Adolf, zu Tode kam. Die junge Familie war nach der eigenen Emigration nach Paris getrennt voneinander nach Auschwitz deportiert worden, die einzelnen Familienmitglieder starben beim Transport oder kurz nach der Ankunft in Auschwitz. Ein Zusammenhang mit dem Tod von Eugenie im gleichen Jahr liegt nahe, kann aber nicht nachgewiesen werden.

Karl Josef Rotter wurde am 11.02.1898 in Mährisch-Neudorf als zweiter Sohn von Eugenie und Adolf Rotter geboren. Sein älterer Bruder war Otto, seine jüngeren Brüder Fritz Egon und Curt. Mit seiner Familie lebte er zunächst in der ehemaligen Gemeindestraße 27 in Leipzig, später in der Frankfurter Straße 20, wo er die zweite Wohnung in der zweiten Etage bezog. Josef arbeitete als reisender Handelsvertreter und war daher von Berufswegen viel in der Welt unterwegs, unterstütze aber auch das Geschäft der Familie. Beim SK „Bar Kochba“ war er als Spieler aktiv. Unter dem NS-Regime plante er die Flucht ins Ausland und bemühte sich zunächst um eine Auswanderung nach Peru, die jedoch dann aufgrund seiner Verhaftung am 12.11.1938 im Rahmen einer „Sonderaktion“ nicht vollzogen werden konnte. Nach seiner Verhaftung wurde Karl Josef Rotter zunächst nach Sachsenhausen und binnen weniger Tage in das KZ Sachsenburg deportiert. Er wurde ein weiteres Mal im Jahr 1942 verhaftet und in diesem Zuge in das KZ Groß-Rosen deportiert, wo man ihn am 16.12.1941 ermordete.

Am selben Tag wurde auch sein Bruder Fritz Egon Rotter im KZ Groß-Rosen ungebracht.

Fritz Egon Rotter wurde als dritter von vier Söhnen des Ehepaars Adolf und Eugenie Rotter am 08.11.1901 in Leipzig geboren. Er war das erste Kind, das in Leipzig geboren wurde, da die Familie erst im Jahr 1901 in die Stadt gezogen war. Die Rotters bewohnten dort zunächst eine Wohnung in der Gemeindestraße 27.

Wie auch seine Brüder unterstützte der Sohn Adolf Rotters seinen Vater als Handlungsgehilfe in der Rauchwarengroßhandlung. Nach dem Tod Adolf Rotters übernahm er später auch die Geschäftsführung des Geschäftes.

In seiner Freizeit war der sportbegeisterte Fritz Egon von 1921 bis 1923 in der 1. Mannschaft des VfB Leipzig aktiv und bis 1933 Mitglied des Jugendausschusses des VfB. Er war außerdem Torwart beim SK Bar Kochba Leipzig und ab 1935 Leiter der hiesigen Fußballabteilung.

Aufgrund der Zahlung einer größeren Summe an das Reisebüro Astoria im Jahr 1939 lässt sich vermuten, dass Fritz Egon ebenso wie seine Geschwister um eine Auswanderung bemüht war. Zu dieser kam es jedoch nicht, da er wie auch sein Bruder Josef verhaftet und in die Lager Sachsenhausen und Groß-Rosen gebracht wurde. Im KZ Groß-Rosen wurde er am selben Tag wie Karl Josef, am 16. Dezember 1941, ermordet. Die Umstände seiner Verhaftung sind nicht im Detail rekonstruierbar.

Otto Rotter wurde am 21.11.1896 als erstes Kind von Adolf und Eugenie Rotter (geb. Hein) in Mahrisch-Neudorf bei Mähren geboren und besaß die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit. Im Jahr 1901 zog er mit seiner Familie nach Leipzig, wo er später den Beruf des Kaufmanns erlernte und Inhaber einer 1922 gegründeten Rauchwarengroßhandlung wurde, die später unter „Parnass & Rotter“ im Handelsregister vermerkt war. Ab 1926 waren die Brüder Leon und Moritz Parnass Miteigentümer des Geschäfts.

Otto heiratete die ursprünglich aus Köln-Ehrenfeld stammende Marianne Mary Vogel und bekam mit ihr zwei Kinder – Heinz (geboren am 04.07.1927) und Klaus-Adolf (geboren am 15.12.1931). Nach Auszug aus dem mit seinen Eltern und Brüdern geteilten Zuhause in der Gemeindestraße 27 bezog er mit seiner Frau zunächst eine Wohnung in der Kaiser-Wilhelm-Straße 13, ehe die junge Familie in die Funkenburgstraße 4 verzog.

Einzelnen Akten ist zu entnehmen, dass der Prozess der Emigration für die Familie Otto Rotters bereits im Jahr 1933 begann, wenngleich für die Auswanderung seiner Frau und Kinder das Datum des 02.04.1934 vermerkt wurde. Nach ihrer Auswanderung wurde die Firma Otto Rotters von den Parnass-Brüdern bis 1935 und schließlich von Leon Parnass bis 1938 geführt und 1939 wie alle anderen jüdischen Unternehmen liquidiert.

Wann die junge Familie festgenommen und in das Lager Beaune-la-Rolande gebracht wurde, ist nicht bekannt. Es scheint jedoch so, dass Otto Rotter einige Tage vor seiner Frau und seinen Kindern das Lager verlassen musste und nach Drancy gebracht wurde. Bereits am 17.7.1942 deportierte man ihn aus dem Lager Pithiviers nach Auschwitz, wo er 1942 ermordet wurde. Es ist wahrscheinlich, dass seine Frau und die beiden Söhne noch über den 02.08.1942 hinaus in Beaune-la-Rolande waren, wo an diesem Tag der jüngere Sohn – Klaus-Adolf Rotter – an Diphterie verstorben sein soll. Gemeinsam mit ihrem verbliebenen Sohn Heinz wurde Marianne Rotter dann in das Lager Drancy verlegt und am 28.08.1942 von dort aus nach Auschwitz deportiert. In Auschwitz wurden Otto, Marianne und Heinz im Jahr 1942, höchstwahrscheinlich bald nach ihrer Ankunft, ermordet.

Am 23.07.1904 wurde Curt Rotter als viertes Kind des Ehepaars Adolf und Eugenie Rotter (geb. Hein) in Leipzig geboren. Wie auch seine Brüder half Curt in der Rauchwarengroßhandlung des Vaters als Handlungsgehilfe aus und regelte auch einen großen Teil der Finanzen, insbesondere nach Versterben seines Vaters, um seine Mutter zu unterstützen. Er war es auch, der am 06. September 1939 die Löschung der Firma Adolf Rotters aus dem Handelsregister beantrage.

Nachdem er gemeinsam mit seiner Familie im Haus in der Frankfurter Straße 20 gelebt hatte, bewohnte Curt Rotter zunächst eine Wohnung am Kickerlingsberg 26, ehe er in die Mackensenstraße 9 verzog. An allen drei Orten lebte er gemeinsam mit seiner Frau Minna Rotter (geb. Springer), einer Kontoristin, mit der am 14.05.1942 nach New York emigrierte. Das weitere Schicksal der beiden ist nicht bekannt, jedoch wurde der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig übermittelt, dass Curt Rotter im Jahr 1998 in New York verstorben ist.

Das Projekt wird gefördert vom Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“.

Wenn Sie den 1. FC Lokomotive Leipzig bei der Finanzierung der neun Stolpersteine zu unterstützen, können Sie dies in Form einer Spende an das folgende Konto tun:
1. FC Lokomotive Leipzig e.V.
IBAN: DE16 860 700 240 1294230 06
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