Eine Gedenktafel für Familie Rotter

Nachdem der Erich-Zeigner-Haus e.V. bereits 2018 gemeinsam mit dem DGB-Stadtverband Leipzig den jüdischen Sportverein „SK Bar Kochba Leipzig“ ehrte, konnten wir nun in diesem Jahr ein neues Projekt starten, das sich intensiver mit der Geschichte der jüdischen Familie Rotter befasste.

Im Rahmen regelmäßiger Projekttreffen recherchierten die Schülerinnen und Schüler des Neuen Nikolaigymnasiums Leipzig zum Schicksal der jüdischen Familie Rotter, die nicht nur seit 1903 einen Rauchwarengroßhandel („Rotter Rauchwarengrosshandlung und Kommission“) im Leipziger Zentrum betrieb, sondern deren Familienoberhaupt, Adolf Rotter, auch maßgeblich an der Gründung des jüdischen Sportklubs „Bar Kochba Leipzig“ im Jahr 1920 beteiligt war.

Adolf Rotter war darüber hinaus u.a. durch seine Position als Synagogen-Komissar in der jüdischen Gemeinde zu Leipzig aktiv. Auch seine Familie brachte sich in der Gemeinde ein – so waren seine Söhne beispielsweise als Mitglieder oder Fußballspieler im Sportklub aktiv.

Nachdem Adolf Rotter im Jahr 1930 eines natürliches Todes gestorben war, übernahm seine Ehefrau Eugenie die Leitung der Rauchwarengroßhandlung. Bei der Führung des Geschäfts erhielt sie weiterhin Unterstützung von ihren Söhnen Curt, Otto, Fritz Egon und Karl Joseph. Sie alle wurden später unter dem nationalsozialistischen Regime verfolgt, zur Flucht gezwungen, in verschiedene Konzentrationslager deportiert sowie ermordet.

Eugenie Rotter (geb. Hein) konnte im August 1939 nach Frankreich entkommen und starb 1942 in Paris. Im gleichen Jahr verstarb auch ihr ältester Sohn, Otto Rotter, gemeinsam mit seiner Ehefrau Marianne (geb. Vogel) und den beiden Söhnen Heinz und Klaus-Adolf. Es ist bekannt, dass die kleine Familie nach ihrer Emigration nach Paris getrennt voneinander nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Ein Zusammenhang mit dem Tod von Eugenie im gleichen Jahr liegt nahe.

Karl Josef Rotter, Vertreter und Fußballspieler beim SK, wurde 1938 verhaftet und zunächst ins KZ Sachsenhausen, 1941 nach einer erneuten Verhaftung ins KZ Groß Rosen deportiert und dort am 16. Dezember ermordet.

Fritz Egon, später als Geschäftsführer der Rauchwarengroßhandlung seines Vaters tätig, wurde 1939 zum ersten Mal verhaftet und am selben Tag wie sein Bruder Karl Josef im KZ Groß Rosen ermordet.

Dem jüngsten Sohn der Familie, Curt Rotter, gelang vermutlich Anfang 1940 die Flucht in die Vereinigten Staaten. Er verstarb 1998 in New York.

Die Projektgruppe des Neuen Nikolaigymnasiums verbrachte viele Wochen der intensiven Recherche und Dokumentenauswertung unter Begleitung des Erich-Zeigner-Haus e.V.
Ein Großteil der Unterlagen stammte aus den Beständen des Staatsarchivs und der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig. Nach der erfolgreichen Rekonstruktion des Schicksals der Familie, erstellten die Jugendlichen Projektflyer für die Spendensammlung, um die Gedenktafel anfertigen zu lassen. Die Recherche der Jugendlichen bildete die Grundlage für die Erstellung der Gedenktafel-Inschrift, die fortan an jene Familienmitglieder erinnern soll, die dem engsten Familienkreis angehörten und Mitglieder des SK Bar Kochba waren oder selbigen ebenso wie das Geschäft Adolf Rotters unterstützten. Dies trifft auf Adolf und Eugenie sowie ihre vier gemeinsamen Söhne – Karl Joseph, Curt, Otto und Fritz Egon Rotter – zu.

Die Gedenktafel zu Ehren des Engagements und der Arbeit der Familie wurde am 29. Oktober 2020 um 16.00 Uhr an der Fassade des Gebäudes, das heute auf dem Grundstück des ehemaligen Rauchwarengeschäftes der Familie Rotter unter der Adresse „Brühl 33“ (ehemal. „Brühl 45“) befindlich ist, eingeweiht.

 


 

Die Gedenktafel soll auch zukünftig ein Zeichen der öffentlichen Erinnerung an die Familie, ihre Geschichte und ihre Verfolgung unter dem NS-Regime sein.

Wir bedanken uns bei allen, die an der Enthüllung der Gedenktafel teilgenommen haben, den Schülerinnen und Schülern der Projektgruppe für ihre Arbeit am Projekt und die Vorbereitung der Einweihungsveranstaltung, dem anwesenden Chor für die musikalische Begleitung, Frau Dr. Gerlinde Rohr (Leiterin Sportmuseum Leipzig a. D.) und Herrn Yuval Rubovitch für die Redebeiträge zur Geschichte der Familie und des SK Bar Kochba.

Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit dem DGB-Stadtverband durchgeführt und von der Holger-Koppe-Stiftung gefördert.

 

Materialien für die Projektarbeit:

Arbeitsblatt zum Thema Stolpersteine.pdf
Arbeitsblatt zum Thema Chronik 1919-1938.doc
Einstieg Stolpersteine.pdf
Input – Das politische Geschehen in Deutschland 1933-1945 Teil 1 und Lernstandanalyse.pdf