Ein Stolperstein für Wella Elfriede Müller

Am Internationalen Gymnasium in Geithain fand direkt zu Beginn des Jahres im Rahmen einer Projektwoche ein Stolpersteinprojekt mit 24 Schüler*innen der 9., 10. und 12. Klassenstufe statt. Im Laufe einer Woche haben die Jugendlichen das Stolpersteinprojekt begonnen, durchgeführt und die Verlegung des Stolpersteins für Wella Elfriede Müller ausgiebig vorbereitet und Spenden zur Finanzierung des Gedenksteins akquiriert.

Das Stolpersteinprojekt entwickelte sich als ein Folgeprojekt und entstand aufgrund der Meldung einer Zeitzeugin und Nachfahrin – der Nichte von Wella Elfriede Müller. Nachdem im Mai 2019 bereits drei Stolpersteine für Opfer der NS-Euthanasie in Geithain verlegt werden konnten, meldete sich die Nichte der Wella Müller bei unserem Verein und wies uns auf das Schicksal ihrer Tante hin. Diese hatte ebenfalls in Geithain gelebt, wurde von den Nationalsozialisten als „erbkrank“ klassifiziert und mit der Schein-Diagnose „Schizophrenie“ über den Verlauf mehrerer Jahre in verschiedene sogenannte „Heil- und Pflegeanstalten“ eingewiesen. Wella Elfriede Müller starb 1943 in der Anstalt Zschadraß an den Folgen der schlechten Behandlung und extremer Mangelernährung als Opfer der „Stillen Euthanasie“.

Die Verlegung des Stolpersteines für Wella Elfriede Müller fand am 27. Februar 2020 in der Dresdner Straße 16 in Geithain statt. Zuvor konnten die Schülerinnen und Schüler der Projektgruppe in den Räumlichkeiten des Internationalen Gymnasiums ein Gespräch mit der Nachfahrin Frau Haim, die extra zur Verlegung aus Israel angereist war, sowie mit weiteren Mitglieder ihrer Familie führen. Wir bedanken uns bei allen Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern sowie bei allen, die das Projekt anderweitig unterstützt oder gefördert haben. Auch gilt unser Dank Frau Haim und ihrer Familie für die Unterstützung und die Bereitschaft zum Gespräch mit der Projektgruppe.

Frau Haim erzählt den vom Schicksal ihrer Tante und beantwortet Fragen der Schülerinnen und Schüler.


Wella Elfriede Müller
, geb. am 13.06.1915, wohnte in Geithain in der Dresdner Straße 16. Ihre Eltern waren der Obsthändler Oskar Arthur Alwin Müller und Anna Martha Müller (geb. Herold). Nach dem Besuch der Volksschule in Geithain arbeitete Wella zunächst für ein Jahr in einer Töpferwerkstatt, bevor sie von 1930 bis 1942 eine Anstellung im Geithainer Emaillierwerk fand. Nachdem sie ab 1940/41 vor allem mit körperlichen Beschwerden zu kämpfen hatte, wurde sie an der Leipziger Universitätsklinik untersucht, wo sie am 28.10.1942 die Diagnose „Schizophrenie“ erhielt. Daraufhin folgte für Wella Müller eine Unterbringung in verschiedenen Heil– und Pflegeanstalten, u.a. in der Nervenklinik der Universität Leipzig und der Heil– und Pflegeanstalt Hochweitzschen. Am 27.08.1943 wurde sie in die Heil– und Pflegeanstalt Zschadraß weiter „verlegt“ , wo sie schon bald nach ihrer Ankunft an „Marasmus“, einer Folgeerscheinung ihrer starken Unterernährung, und „Lungentuberkulose“ verstarb. Wella Elfriede Müller wurde am 01.11.1943 in Zschadraß beerdigt. Sie war eine von rund 400.000 Menschen, die im Rahmen der NS-Euthanasie in sogenannte „Heil- und Pflegeanstalten“ eingewiesen und dort unter Berufung auf das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zwangssterilisiert oder ermordet wurden. Die Einweisungen erfolgten jeweils unter dem Schein einer angeblich schwerwiegenden psychischen Erkrankung – letztlich starben die angeblich „Erbkranken“ aber stets an den Folgen eines urplötzlich diagnostizierten körperlichen Leidens. Diese körperlich begründeten Todesursachen dienten der Vertuschung der Tötung zahlreicher angeblich „erbkranker“ Personen durch die Nationalsozialisten.

 

Das Projekt wurde gefördert von der F.C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz.

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