Die Stillen Helden Isidor-Helmut und Anna Amalia Zistler

Seit April 2019 beschäftigen sich Schüler*innen der 12. Klasse des Neuen Nikolaigymnasiums mit dem Schicksal von Anna Amalia und Isidor-Helmut Zistler. Das Ehepaar beteiligte sich in der Zeit des Nationalsozialismus am Rettungswiderstand – beide können daher als „Stille Helden“ bezeichnet werden. Inhaltlich begleitet und bei der Recherche unterstützt wurde die Projektgruppe durch den Erich-Zeigner-Haus e.V. Dabei kam sie zu folgenden Recherche-Ergebnissen:

Anna Amalia Zistler, geborene Buchheim, wurde am 10.10.1878 in Leipzig geboren. Sie arbeitete als Pädagogin an der Leipziger Theaterhochschule und war Sängerin unter Hans Hiller in der Großen Leipziger Gemeindesynagoge in der Gottschedstraße. Nach dem Tod ihres Mannes Max Pollack, der jüdisch war und in das Leipziger Arbeitshaus in der Riebeckstraße inhaftiert wurde und dort verstarb, heiratete sie nach dem Krieg Isidor-Helmut Zistler. Ihr Wohnhaus befand sich am Blücherplatz 1 in Leipzig, neben dem berühmten Hotel Astoria in der Nähe des Leipziger Hauptbahnhofes. Dieses wurde bei einem Bombenangriff am 04.12.1943 jedoch zerstört.

Isidor-Helmut Zistler wurde am 01.10.1908 in Leipzig Anger-Crottendorf geboren. Sein Vater war römisch-katholisch, seine Mutter evangelisch-lutherisch. Beide betrieben eine Bäckerei in Leipzig. Isidor Zistler war gelernter Kaufmann in der Nahrungsmittelbranche, betrieb ein Lebensmittelgeschäft und arbeitete von 1933 bis 1934 als Schauspieler, Sänger und Sprecher am Operettentheater und Schauspielhaus Sophienstraße. Auf Anraten von Anna Amalia und Max Pollack stellte er unter der Herrschaft der Nationalsozialisten einen Antrag auf NSDAP-Mitgliedschaft, welcher im Mai 1938 positiv beschieden entschieden wurde. Grund für die Antragsstellung war die Hoffnung auf mehr Sicherheit vor allem in Bezug auf den geleisteten Rettungswiderstand. 1934 erhielt er ein Berufsverbot am Operettentheater und Schauspielhaus, im Dezember 1935 wurde sein Lebensmittelgeschäft durch die Gestapo geschlossen. Die Gestapo misshandelte ihn zwei Mal schwer. Isidor-Helmut Zistler wurde also rassisch verfolgt – unter dem Vorwand, jüdisch zu sein. Dies lag an seinem Namen „Isidor“, ein bekannter jüdischer Name. Vom 08.04.1937 bis zum 21.08.1937 war er im Leipziger Polizeigefängnis inhaftiert. Obwohl zuvor zweimal als „wehrunwürdig“ klassifiziert, diente er von Juni 1940 bis August 1943 als Soldat in der Wehrmacht.

Über dreieinhalb Jahre beteiligten sich Anna Amalia und Isidor-Helmut Zistler, damals noch nicht verheiratet, am Rettungswiderstand jüdischer Menschen in Leipzig, was sie als Stille Helden auszeichnet. Fünf Menschen versteckten sie dabei in ihrer Wohnung: Max Pollack, Minchen (Minna) Scharf und Gatte Karl sowie Dr. B. Zirkes (Leiter des jüd. Krankenhauses Leipzig) zusammen mit seiner Gattin. Außer Dr. Zirkes überlebte keine der genannten Personen die Zeit des NS. Am 21.10.1948 heirateten sie in Leipzig. Gemeinsam flohen die Zistlers 1954 aus Leipzig nach Westberlin. Ebenso wie seine Frau unterrichtete er nach dem Krieg auch Gesang in Berlin. Zudem betrieb Isidor-Helmut Zistler ein Lebensmittelgeschäft bis er jenes schließen musste. Anna Amalia Zistler wurde auf einen Antrag hin am 27.07.1961 (Entschädigungsamt Berlin & Senat Berin im Rahmen der Aktion „Unbesungene Helden“) als „Unbesungene Heldin“ aufgenommen. A. Amalia Zistler starb im Dezember 1965 in Berlin, ihr Gatte ebenso im Dezember desselben Jahres.

Zu Ehren des Engagements der „Stillen Helden“ Anna Amalia und Isidor-Helmut Zistler wird am 20. Juni 2020 um 17 Uhr eine Gedenktafel eingeweiht und an der Hausfassade im Poetenweg 12a angebracht – dort, wo das Ehepaar einst lebte.

Das Projekt wird gefördert vom Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“ durch den Freistaat Sachsen.