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gepostet am: Samstag, 08.05.2021, 8:05 Uhr

Tag der Befreiung – 08. Mai 2021

Der heutige Tag ist in verschiedenen europäischen Ländern als „Tag der Befreiung“ bekannt – der Jahrestag der „Befreiung“ durch die Alliierten und der Tag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht: das Ende des Zweiten Weltkriegs.

Viele Menschen wurden dabei nicht nur vom Nationalsozialistischen Regime, sondern auch aus der Gefangenschaft, der Zwangsarbeit oder der lebensbedrohlichen Situation in Konzentrationslagern befreit.

In den vergangenen Monaten wurden wir insbesondere durch bundesweite Proteste selbsternannter „Querdenker“ immer wieder mit NS-Verharmlosung, Holocaust-Leugnung und Antisemitismus – vor allem gehüllt in abstruse Verschwörungserzählungen – konfrontiert. Dies ist nicht nur höchst schmerzhaft für all jene, die den Nationalsozialismus erlebt, Angehörige verloren oder dem Tod im Konzentrationslager nur knapp entkommen sind, sondern es ist überdies brandgefährlich.

Wenn wir zulassen, dass die Geschichte derart verdreht und verharmlost wird, lassen wir auch zu, dass wir unaufmerksam werden für tatsächliche Entwicklungen, die uns Sorgen machen sollten. Und Sorgen machen sollte uns vor allem das unhinterfragte oder akzeptierte gemeinsame Demonstrieren mit Rechtsextremist:innen, Neonazis, Anhänger:innen der Reichsbürger-Bewegung oder Holocaustleugnern. Wir positionieren uns daher entschieden gegen diese Proteste und die Akzeptanz solcher Weltanschauungen und distanzieren uns entschlossen von jenen, die selbiges nicht tun.

Lasst uns am Tag der Befreiung zurückblicken und erinnern, vorausschauen und mahnen. Lasst uns auf die Wichtigkeit der Erinnerung hinweisen und an unseren demokratischen Werten festhalten. Nur wenn wir uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen und diese aufarbeiten, können wir Veränderungen bewirken, unsere geschichtliche Verantwortung übernehmen und daran erinnern, dass Hass und Ausgrenzung keinen Platz in unserer Gesellschaft haben dürfen.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass wir heute gemeinsam mit dem Aktionsnetzwerk „Leipzig nimmt Platz“ und dem „Leipzig. Courage zeigen! e.V.“ zum dezentralen Stolpersteine-Putzen aufgerufen haben.
Wer sich daran beteiligen oder aber unserer symbolischen Auftaktveranstaltung im Leipziger Osten beiwohnen möchte, findet weiterführende Informationen unterhalb sowie auf unserer Facebookseite

Presse
gepostet am: Freitag, 07.05.2021, 12:05 Uhr

Geithainer Stolperstein innerhalb von 3 Wochen zweifach geschändet

Anfang letzter Woche, am 27. April, informierte unser Projektpartner des letzten Geithainer Stolpersteinprojektes – das Flexible Jugendmanagement aus dem Landkreis Leipzig – im Rahmen einer Pressemitteilung über die versuchte Schändung des am 19.04. verlegten Gedenksteins für Paul Weise. Wenngleich uns dieser Schändungsversuch nicht zuletzt aufgrund der zeitlichen Nähe zum Verlegetermin des Stolpersteins bereits sehr betroffen gemacht hatte, so sind wir nun umso schockierter darüber, dass sich mittlerweile ein zweiter Versuch – dieses Mal mit noch offensichtlicher Schädigung des Steines – ereignet hat.

Von den Schüler:innen der Projektgruppe aus Geithain erreichte uns ein Bild der offensichtlich mit einem Brandfleck beschädigen Messingplatte des Gedenksteins.

Was uns dabei betroffen macht ist aber nicht der materielle Schaden, sondern die Bedeutung hinter der Schändung. Die damit ausgedrückte Erinnerungsabwehr verdeutlicht in unseren Augen einmal mehr die besondere Brisanz der politischen Verhältnisse in den ländlichen Regionen und damit einhergehend die Bedeutung von historisch-politischer Bildungsarbeit sowie die Wichtigkeit des erinnerungskulturellen Engagements innerhalb der Zivilgesellschaft. Die Schändung des Stolpersteins wird bei der Polizei zur Anzeige gebracht werden. Wir hoffen, dass auch weiterhin Anwohner:innen aufmerksam bleiben und solche Vorfälle dokumentieren und melden (z.B. bei ChronikLE). Am kommenden Montag werden die Schüler:innen den Stein erneut zusammen mit dem Flexiblen Jugendmanagement putzen – neben der Reinigung des Gedenksteins ist dies in unseren Augen vor allem ein wichtiger symbolischer Akt, der eine politische Haltung ausdrückt. Die Stolpersteine erinnern an Opfer der NS-Verfolgung, an die schrecklichen Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus und an jene, die sich dagegen engagiert haben – einer von ihnen war Paul Weise.

Morgen, am 08. Mai, wollen auch wir in Leipzig Stolpersteine anlässlich des „Tags der Befreiung“ putzen und an die NS-Verbrechen erinnern. Das Putzen der Steine steht dabei aber nicht nur sinnbildlich für das Erinnern an die individuellen Schicksale aller Opfer, sondern soll uns ferner erneut vor Augen führen, wohin Menschenfeindlichkeit und Intoleranz führen können. Die Stolpersteine mahnen uns, an unseren demokratischen Werten festzuhalten und uns für Weltoffenheit, Toleranz und Zivilcourage zu engagieren – gegenwärtig und zukünftig.

Wer sich am dezentralen Putzen beteiligen möchte, findet nähere Informationen auf unserer Homepage-Startseite, der dazugehörigen Terminkacheln sowie hier.

Termine
gepostet am: Mittwoch, 05.05.2021, 8:05 Uhr

„Facing up to the Far Right: What can we learn?“

Nachdem wir zu Beginn dieses Jahres mit dem Obermayer Award für unser bildungspolitisches Engagement ausgezeichnet wurden, freuen wir uns sehr, nun erneut mit Widen the Circle – der gemeinnützigen Organisation, die die Preisverleihung in Zusammenarbeit mit der Obermayer-Foundation verwaltet – kooperieren zu können.

Wir möchten Sie und Euch in diesem Sinne ganz herzlich zu einer spannenden Online-Veranstaltung am 11. Mai 2021 (Dienstag) um 20 Uhr einladen, die sich der folgenden Fragestellung widmen wird: „Facing up to the Far Right: What can we learn?“ (Frei übersetzt: „Was können wir lernen, wenn wir uns mit Rechtsradikalen befassen?“)

Inhaltlich soll der Umgang mit Rechtsradikalismus in Deutschland und den USA aus Sicht zweier unterschiedlicher Organisationen besprochen und beleuchtet werden – wobei der Erich-Zeigner-Haus e.V. die deutsche Perspektive bereitstellen wird. Die Herausforderung des Umgangs mit Rechtsextremismus und Neonazismus kann unterschiedlich angegangen werden – zwei mögliche Ansätze wollen wir im Gespräch vorstellen und diskutieren.
Dabei soll es um mögliche Taktiken, Strategien und Programme sowie um die Bedeutung der lokalen Geschichte gehen. Ferner soll darauf eingegangen werden, warum es entscheidend ist, falschen historischen Narrativen entschieden entgegenzutreten.

Im Gespräch werden sich die folgenden führenden Vertreter:innen der Organisationen miteinander austauschen:

Raimund Grafe
Vorstandsvorsitzender des Erich-Zeigner-Haus e.V. in Leipzig (Deutschland)

Kate Bitz
Programmdirektorin des Western States Center aus Spokane (Washington)
Das Western States Center engagiert sich wie auch der Erich-Zeigner-Haus e.V. im Bereich der Demokratiearbeit. Kate Bitz konzentriert sich dabei vor allem auf die Bekämpfung des weißen Nationalismus durch Organisation, Forschung und Entwicklung lokaler Führungskräfte im pazifischen Nordwesten.

Die virtuelle Konversation wird in englischer Sprache abgehalten. Die Moderation übernimmt Joel Obermayer, Gründer und Geschäftsführer von Widen the Circle. Weitere Informationen über die Veranstaltung und Möglichkeiten der Anmeldung können hier abgerufen werden.

Wir freuen uns wie immer über Interesse an der Veranstaltung und hoffen auf zahlreiche Anmeldungen und einen spannenden internationalen Austausch.

 

Presse
gepostet am: Dienstag, 04.05.2021, 10:05 Uhr

Dezentrales Stolpersteine-Putzen am 08. Mai 2021

Am kommenden Samstag ist der 08. Mai und somit jährt sich zum mittlerweile 76. Mal der „Tag der Befreiung“, der in verschiedenen europäischen Ländern als Jahrestag der „Befreiung“ durch die Alliierten und als Ende des Zweiten Weltkriegs begangen wird. Aber es ist nicht allein dieser „positive Anlass“ des 08. Mai, an den wir an diesem wichtigen Tag erinnern möchten. Vielmehr steht dieses Datum für uns für die Bedeutung des Erinnerns an die Verbrechen der NS-Vergangenheit wie auch für das Einstehen gegen Rassismus, Antisemitismus, Ausgrenzung und Diskriminierung aller Art.

In diesem Sinne würden wir gerne zu einer passenden Veranstaltung oder Kundgebung einladen – doch wie auch schon im vergangenen Jahr erachten wir dies aufgrund der Pandemielage für schwierig umsetzbar. Wir möchten daher, ebenfalls wie im vergangenen Jahr, stattdessen gemeinsam mit dem Aktionsnetzwerk „Leipzig nimmt Platz“ und dem „Leipzig. Courage zeigen! e.V.“ zum dezentralen Stolpersteine-Putzen einladen, um an den Tag der Befreiung und die zahlreichen Opfer, die das NS-Regime gefordert hat, zu erinnern. Das Putzen der Steine steht dabei aber nicht nur sinnbildlich für das Erinnern an die individuellen Schicksale aller Opfer, sondern soll uns ferner erneut vor Augen führen, wohin Menschenfeindlichkeit und Intoleranz führen können. Die Stolpersteine mahnen uns überdies, an unseren demokratischen Werten festzuhalten und uns für Weltoffenheit, Toleranz und Zivilcourage zu engagieren – gegenwärtig und zukünftig.

Das dezentrale Stolpersteine-Putzen wollen wir in diesem Jahr mit einem symbolischen Auftakt um 12.30 Uhr in der Eisenbahnstraße 47 zusammen mit unseren Kooperationspartnern begehen. Hier wollen wir die Steine von Mania und Josef Weißblüth sowie Samuel Hundert putzen und ihnen somit gedenken.

Samuel Hundert (*1902, Stanislau) war etwa 1927 nach Leipzig gekommen und hatte sich dort, wie auch sein Bruder Aria Jehuda, der Leipziger LO (Linke Opposition) angeschlossen. Sie waren zwei von 100-150 Mitgliedern und Sympathisanten der politischen Gruppierung, die zur KPD gehörte. Als Samuel nach Leipzig kam, lebte seine ältere Schwester Mania (*1897, Stanislau) bereits zusammen mit ihrem Mann Josef Weißblüth (*1897, Bohorodczany) in der Stadt. Samuel zog bei ihnen in die damalige Melchiorstraße 12, eine Verbindungsstraße zwischen Eisenbahnstraße und Rabet, ein. In der Hainstraße führte er später die Textilfirma „Hundert & Co.“, ehe er am 15.07.1933 aus Deutschland floh und nach Paris emigrierte. Dabei blieb er fortlaufend politisch engagiert und unterstützte die im Oktober 1933 aus der LO/KPD hervorgegangenen Internationale Kommunisten Deutschlands (IKD). 1938 ging Samuel Hundert dann aus existentiellen Gründen zurück in seine Heimatstadt Stanislau, wo er wieder auf Mania und Josef Weißblüth stieß, die 1935 aus Deutschland ausgewiesen und nach Polen abgeschoben worden waren. Ein Jahr nach Samuels Rückkehr in die Heimat wurde Stanislau durch den Hitler-Stalin-Pakt von sowjetischen Truppen besetzt. Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begannen deutsche Mordkommandos und ihre Verbündeten mit Massenerschießungen und der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Stanislau. So wurden allein am 12. Oktober 1941 10.000 bis 12.000 Menschen erschossen und in Massengräbern verscharrt. Im Dezember 1941 errichteten die Nazis ein Ghetto in Stanislau, das im Januar 1943 liquidiert wurde. Bei diesem Massenmord wurden Samuel Hundert (39 Jahre), Mania (44 Jahre) und Josef Weißblüth (44 Jahre) wahrscheinlich 1941 ermordet.

Wer an der Auftaktveranstaltung teilnehmen möchte, ist hierzu herzlich unter Berücksichtigung aller Auflagen zum Infektionsschutz eingeladen. Für das eigenständige Stolpersteine-Putzen ist auf unserer Homepage eine Übersicht der  Verlegeorte der Leipziger Stolpersteine sowie eine Anleitung zum Putzen der Steine hinterlegt. Die Stolpersteine können im Laufe des gesamten Tages geputzt werden. Jene, die sich an der Aktion beteiligen wollen, bitten wir jedoch um die Berücksichtigung aller derzeit gültigen Auflagen zum Infektionsschutz. Dies ist auch mit Blick auf die Größe der Personengruppen vor Ort zu berücksichtigen. Da wir aufgrund der Kürze der Zeit anders als am 09. November nicht allen Verlegeorten direkte Paten/Patinnen zuordnen können, bitten wir um eine gewisse Flexibilität in der Steinauswahl – es kann passieren, dass sich mehrere Personen den gleichen Stein aussuchen, sodass es hilfreich sein kann, sich direkt mehrere Adressen in der Nähe auszusuchen.

Vielen Dank an alle, die diese Aktion unterstützen.

Bleibt solidarisch und aufmerksam. Erinnert.

 

Presse
gepostet am: Sonntag, 02.05.2021, 8:05 Uhr

Über das aktuelle Demogeschehen im Land – Informationsbeitrag & Aufruf zum Widersprechen

Seit ziemlich genau einem Jahr erleben wir regelmäßige Proteste auf den Straßen, die nicht nur aufgrund der besonderen Bedingungen ihres Zustandekommens für großes Aufsehen sorgen. Die sogenannten „Querdenken-Proteste“ machen stattdessen auch damit auf sich aufmerksam, dass sich die Zusammensetzung der Demonstrierenden-Gruppe zunehmend veränderte. Zwar war die Masse der Protestierenden schon von Beginn an eher heterogen – von „gewöhnlichen“ Bürger:innen und besorgten Eltern, über friedliebend auftretende Waldorfpädagog:innen und Esoteriker:innen bis hin zu Anhänger:innen der AfD, der Reichsbürgerbewegung und antisemitischer Verschwörungsmythen. Auch wehende Reichskriegsflaggen und rechtsextremistische Symbole machten in der scheinbar „bunten“ Masse auf sich aufmerksam – wurden jedoch gerne von den Teilnehmenden der Proteste übersehen und akzeptiert, legitimiert durch das „gemeinsame Ziel“ und die geteilte „Kritik“ an den Maßnahmen der Regierung.

Die Proteste in Großstädten wie Frankfurt, Berlin oder Leipzig sind dabei eine Sache, die uns nachdenklich und besorgt stimmt. Die, wie es scheint, zunehmende Gewaltbereitschaft, die rechten Parolen, das Postulat einer Diktatur und einer angeblichen Gefährdung der Bevölkerung durch Impfungen ist dabei nur ein Teil dessen, was uns beunruhigt. Auch der stete Rückgriff auf antisemitische Ressentiments, Holocaust-Verharmlosungen und NS-Vergleiche beschäftigt uns und viele andere, die sich (u.a.) im politischen Bereich engagieren wollen oder politische Bildungsarbeit leisten.

Und doch bekommen wir häufig nur das mit, was sich direkt vor unserer eigenen Haustür abspielt oder uns im Fernsehen zusammengefasst wird. Wir möchten in diesem Beitrag auf die Lage in den umliegenden Landkreisen der Stadt Leipzig eingehen, in dem sich in den letzten Wochen ebenfalls die Proteste häufen.

Bei den zumeist an Montagabenden durchgeführten Protesten handelt es sich nicht um offizielle „Querdenken“-Demos, sondern um Proteste deutlich rechtsgerichteter und verfassungsfeindlich ausgerichteter Gruppen und Einzelpersonen, die unter dem Deckmantel der Maßnahmenkritik ihren Unmut auf die Straße tragen und so Unterstützung der Anwohner:innen suchen.

Am vergangenen Montag, den 19.04., gingen u.a. in Geithain, Colditz, Wurzen und Trebsen Menschen auf die Straßen, um (offiziell) gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu demonstrieren. Doch die Situation eskalierte – es gab mehrere Angriffe auf Beamt:innen, Einschüchterungsversuche gegenüber der Pressevertreter:innen vor Ort und vorläufige Festnahmen. In Geithain und Wurzen waren dabei jeweils mehr als 100 Personen Teil des Protestes gewesen.

In Trebsen, zwischen Bennewitz und Colditz, waren bei Protesten auch „viele rechte Flaggen und Symbole“ – darunter auch zahlreiche Reichskriegsflaggen – zu sehen gewesen, wie die LVZ im Anschluss berichtete. Auch die Wirmer-Flagge, die gerne auf Demonstrationen und Kundgebungen der Neuen Rechten hochgehalten wird, war zugegen. Rechtsgerichtete Symbole waren in Trebsen zwar verstärkt, insgesamt aber in allen Protesten auszumachen.

Uns besorgt, dass diese Proteste im Land in der Rezeption der Großstädter:innen „untergehen“ könnten – da derzeit so vieles auch in den Städten passiert. Auch befürchten wir, dass viele, die vielleicht üblicherweise nicht Unterstützer:innen rechter und rechtsextremer Gruppierungen und Positionen wären, von der allgemeinen Protestbewegung mitgezogen werden könnten – weil sie von der aktuellen Zeit verunsichert oder zum Beispiel persönlich durch wirtschaftliche Einbuße etc. betroffen sind. Für viele ist es zudem nach eigenen Aussagen nicht problematisch, mit Rechtsradikalen gemeinsam zu protestieren – das kennen wir schon von „Querdenken“. Viele sehen die Problematik hinter den wehenden Reichskriegsflaggen in ihrer Mitte nicht. Und wiederum andere gehen derzeit vielleicht nicht dagegen auf die Straße, weil sie Angst vor einer Ansteckung oder aber der Dynamik der Proteste haben, die so viel kleiner sind als beispielsweise in Leipzig.

Es sind schwierige Zeiten für große Demonstrationsaufrufe.
Was wir anregen möchten ist daher die Selbstinformation, die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen im Land und vielleicht auch die Mobilisierung zum Gegenprotest.

Die nächsten Demonstrationen im Land sind größtenteils noch nicht offiziell angemeldet. Nach Aussage eines Teilnehmers des Wurzener Protests sind hier zumindest regelmäßige Proteste geplant und bereits durchgeführt worden – stets montags und freitags. Auch sind unseren Informationen zufolge* für Colditz nächste Demonstration am kommenden Montagabend geplant. Hier wurde allerdings bereits Gegenprotest unter dem Motto „Laut statt out: Für Anstand, Abstand & Solidarität“ angekündigt. Dieser soll am Colditzer Markt um 18.30 Uhr beginnen.

Wer also die Menschen im Land unterstützen möchte und kann und sich gegen die Proteste, die gerade deutlich von Rechten vereinnahmt werden, stellen will, sei zum Teilen dieses Aufrufs, zur Selbstinformation und -organisation eingeladen.

Wir möchten aber darauf hinweisen, dass ein sicheres Gefühl, eine Bezugsgruppe oder Kontaktperson dabei stets wichtig sein sollten – Demonstrationen im Land laufen häufig anders ab als hier in Leipzig, was nicht zuletzt auch der geringeren Größe geschuldet ist.

Wir danken Ihnen und Euch für die Unterstützung, das Engagement und die Bereitschaft, dieses Anliegen zu teilen und nach außen zu tragen.

Das Team vom Erich-Zeigner-Haus e.V.

 

* Für weiterführende Informationen zu jeweils aktuellen Demonstrationen ist eine weitere Recherche notwendig, da sich die Anmeldung dieser Veranstaltungen oft sehr kurzfristig gestaltet.

 

Presse
gepostet am: Samstag, 01.05.2021, 8:05 Uhr

„Tag der Arbeit“ 2021 – Von der Bedeutung des 01. Mai

Heute ist „Tag der Arbeit“. Kennzeichnend für diesen Feiertag ist das Demonstrieren der Arbeiter:innen und Gewerkschaften für die Rechte abhängig Beschäftigter. Seit 1919 ist der 1. Mai in Deutschland Feiertag.  Ab 1890 fanden in Deutschland Demonstrationen und Streiks an diesem Tag statt. Im Oktober 1890 beschließt dann die SPD, den 1. Mai zum offiziellen Tag der Arbeiterbewegung zu machen, woraufhin es zu alljährlichen Demonstrationen kommt. Dabei geht es u.a. um Forderungen nach höheren Löhnen oder besseren Arbeitsbedingungen und -zeiten.

Im Zuge der Corona-Pandemie liegt einmal mehr der Fokus auf Problemen der Arbeiter:innen – viele sind dieser Tage in Kurzarbeit, haben vielleicht ihre Arbeit verloren, sehen sich in schwierigen Situationen aufgrund variierender Risikoeinschätzungen im Büro zwischen den Mitarbeitenden und Kolleg:innen oder bangen um ihre Jobs. In Zeiten großer Zukunftsängste lautet das diesjährige Motto des Feiertages: „Solidarität ist Zukunft“

Schon im vergangenen Jahr hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) nicht zu Kundgebungen und Demonstrationen aufrufen können – in einem Livestream sollen dennoch Geschwerkschafter:innen zu Wort kommen, politische Inhalte debattiert und einige Kulturangebote (z.B. Poetry Slams) dargeboten werden. Aktuelle Informationen zum Programm des DGB sind auf der Website zu finden.

Das Vereinnahmen der Proteste von rechts – Demonstrationen & Kundgebungen am 01. Mai

Neben dem Protest der arbeitenden Bevölkerung bestimmen oft auch rechte Demonstrationen den 01. Mai. Bereits in der Zeit der NS-Diktatur wurde der 1. Mai von rechts vereinnahmt – die Nationalsozialisten nutzen den Tag in ihrem Sinne, um die vielfach sozialdemokratisch und kommunistisch orientierten Arbeiter für sich zu gewinnen und die Gewerkschaften politisch zu entmachten. Unter ihnen wurde er letztlich zum „Nationalen Feiertag des deutschen Volkes“ verändert und die ursprüngliche Bedeutung des Tages in ihrem Sinne verdrängt. Dies hat all jenen, die damit nicht einverstanden waren und sind, eine zusätzliche Bedeutung mitgegeben: Der 1. Mai steht auch für das Besprechen sozialpolitischer Themen und das Planen von Aktionen gegen rechts. Bis heute sind Gewerkschaften wichtiger Teil eines zivilgesellschaftlichen Bündnisses, das sich auch gegen rechts engagiert.

Wenngleich wir als Verein üblicherweise dennoch unseren Fokus auf die Bedeutung des Tages als „Tag der Arbeit“ legen und bei den gewerkschaftlichen Aktionen in diesem Zusammenhang mitwirken wollen, werden wir in diesem Jahr den Schwerpunkt auf unser Engagement gegen rechts legen und zum Gegenprotest aufrufen – denn die „Bürgerbewegung Leipzig 2021“ plant eine Kundgebung mit Demonstration am Völkerschlachtdenkmal, an der auch viele Rechte, Rechtsradikale und Neonazis mitwirken werden. Auch die rechtsradikale Splitterpartei „Der III. Weg“ plant eine Kundgebung in Leipzig.

Schon in der Vergangenheit haben wir mehrfach vor dem Völkerschlachtdenkmal gegen rechte Aufmärsche mobilisiert – dies wollen wir auch am heutigen 01. Mai tun.

Denn die Positionen, die hier auf die Straße getragen werden sollen, können wir nicht unwidersprochen lassen – nicht am „Tag der Arbeit“ und auch an keinem anderen Tag. Weitere Informationen zum Gegenprotest ist auf der Internetseite des Aktionsnetzwerks „Leipzig nimmt Platz“  abrufbar.

Im Falle der Teilnahme an den Demonstrationen bitten wir – wie immer –  um die Berücksichtigung aller gültigen Auflagen zum Infektionsschutz im Falle einer Teilnahme.

Das Team vom Erich-Zeigner-Haus e.V.

 

Presse
gepostet am: Mittwoch, 28.04.2021, 12:04 Uhr

Rückblick auf das Zeitzeugengespräch mit einer französischen Holocaust-Überlebenden

Nachdem wir bereits im vergangenen November ein digitales Zeitzeugengespräch mit dem französischen Holocaust-Überlebenden Raphaël Esrail im Rahmen eines binationalen Kooperationsprojektes hatten durchführen können, konnten wir gestern nun ein weiteres Mal über „ZOOM“ zu einem besonderen Gespräch einladen. Zusammen mit 89 Schüler:innen aus drei Schulen (Gymnasien in Schkeuditz, Naunhof und Markranstädt) durften wir der Holocaust-Überlebenden Estelle Senot begegnen, die die Fragen der Schüler:innen beantwortete und von ihrer persönlichen Geschichte berichtete.

Estelle Senot wurde im Jahr 1928 unter dem Namen ‚Esther‘ in Kozienice in Polen als eines von später insgesamt sieben Kindern geboren. Ihre Familie praktizierte die jüdische Religion nicht – die Eltern sprachen Jiddisch und waren Kommunisten. Im Jahr 1930 kam die Familie nach Frankreich. Dort wurden die Eltern und der 11-jährige Achille im August 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort bei der Ankunft ermordet. ‚Esther‘ konnte noch ein Jahr lang einer Verhaftung entgehen, wurde dann jedoch im September 1943 in Paris festgenommen und nach Birkenau deportiert, wo sie in einem Frauenlager interniert war. In Birkenau überlebte sie den Todesmarsch. In Bergen-Belsen, wohin man sie verlegen ließ, blieb sie anschließend etwa zwei Monate – danach kam sie in ein anderes Lager mit 300 Frauen, bevor sie nach Mauthausen geschickt wurde. Dort wurde sie am 5. Mai befreit. Ihre Eltern, ihre Schwester Fanny, und ihre Brüder Achille und Marcel starben in Birkenau. Die anderen drei Brüder überlebten.  

Bereits kurz nach dem fast zweistündigen Gespräch erreichte uns eine erste Rückmeldung von Seiten der Schkeuditzer Schüler:innen, die das Gespräch mit Frau Senot im Austausch mit ihrem betreuenden Lehrer als besondere Erfahrung beschrieben. Auch wir waren dankbar für das Gespräch mit Frau Senot und wie immer sehr froh, dass wir gerade jungen Menschen diese besondere Möglichkeit bieten konnten. Ein Gespräch mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen kann etwas vermitteln, was ein Buch, ein Film, der Geschichtsunterricht niemals leisten kann – hier sprechen reale Erfahrungen, individuelle Geschichten, echte Emotionen.

Das Gespräch mit Frau Senot hat uns nicht nur persönlich berührt – es stellt ferner auch ein wichtiges erinnerungskulturelles Zeugnis dar. Besonders bewegend war die Antwort der Zeitzeugin auf die Frage eines Schülers hinsichtlich gegenwärtiger Entwicklungen – hierzu zählt etwa der wachsende Zuspruch zu rechtsextremen oder rechtspopulistischen Parteien (wie z.B. der AfD) oder entsprechenden Positionen, die u.a. auch in aktuellen Protesten zu Tage treten. Estelle Senot erwiderte, dass sie sich gegenwärtig gesellschaftlich durchaus an die Dreißigerjahre zurückerinnert fühle: Dass die Rechten zunehmend in machtvolle Positionen rücken, sei für sie und andere Zeitzeug:innen durchaus besorgniserregend. Momentan könne sich wohl keiner so recht vorstellen, wohin sich das entwickeln könnte – sie aber, die es schon einmal erleben mussten, könnten erste Anzeichen für eine gefährliche Entwicklung erkennen.

Es sind Sätze und Erfahrungen wie diese, die uns Zuhörenden ganz neue Perspektiven und Eindrücke vermitteln können, als es abstrakte Gedankenspiele und Debatten, beinahe losgelöst von unserer Geschichte, jemals leisten könnten. Diese Gespräche lassen uns nicht nur an Erinnerungen teilhaben – sie mahnen uns gleichermaßen auch, aufmerksam zu bleiben.

Das Gespräch konnte in Zusammenarbeit mit dem Institut Français umgesetzt werden. Wir bedanken uns bei den Simulatanübersetzer:innen, die beteiligten Lehrer:innen sowie bei unseren Kooperationspartner:innen und Förderern für die gute Zusammenarbeit und das wichtige Projekt und hoffen, dass wir noch einige weitere Gespräche wie dieses realisieren können.

Gefördert wurde das Projekt vom Förderverein Ökologische Freiwilligendienste (FÖF) e.V. sowie durch die CIVS.

 

Bildquelle: https://www.timesofisrael.com/i-weighed-70-pounds-last-auschwitz-survivors-remember-a-living-hell/ – Abrufdatum: 28.04.2021

Presse
gepostet am: Dienstag, 27.04.2021, 14:04 Uhr

Sogenannte „Bürgerbewegung“ plant Kundgebung und Demo am Völkerschlachtdenkmal zum 01. Mai. – Aufruf zum Gegenprotest.

Am 01. Mai plant die „Bürgerbewegung Leipzig 2021“ eine Kundgebung mit Demonstration am Völkerschlachtdenkmal.

Dabei handelt es sich bei der selbsternannten „Bewegung“ mehrheitlich nicht um eine harmlose Gruppierung, welche die Maßnahmen der Regierung kritisiert. Vielmehr versammeln sich unter diesem Deckmantel zahlreiche Rechtsradikale und Nationalisten, deren Hauptfokus nicht die Kritik an den Corona-Maßnahmen ist, sondern die hier allem voran ein Potenzial sehen, die Corona-Proteste für sich zu vereinnahmen. Nach eigens veröffentlichten Selbstverständnis sind für die „Bürgerbewegung Leipzig 2021“ so etwa folgende Themen von größerem Interesse als die Corona-Politik: die Abschaffung des Grundgesetzes und der Parteien, eine „Remigration“ und das traditionelle Familienbild als Leitbild.

Das neunzig Meter hohe Völkerschlachtdenkmal war im Herbst des ersten Corona-Jahres auch von „Querdenken“-Gruppierungen als geeigneter Veranstaltungs- und Kundgebungsort ausgemacht worden: So versammelten sich im Rahmen einer „Corona-Info-Bustour“ u. a. im November mehrere hundert Menschen, die sich dabei mehrheitlich nicht an die Auflagen zum Infektionsschutz hielten und deren Versammlung dennoch geduldet wurde. Dass die selbsternannte „Bürgerbewegung“ das für Nationalstolz stehende Denkmal nun ebenfalls als Versammlungsort nutzen will, wundert wenig.

„Während in den vergangenen Monaten stets die wehenden Reichsflaggen inmitten ‚friedlicher‘ Querdenken-Proteste als Randerscheinung abgetan wurden, bietet die Versammlung am Völkerschlachtdenkmal hierfür die ideale Umgebung. Auch erwarten wir ‚Wir sind das Volk‘-Rufe, wie wir sie auch schon von PEGIDA und LEGIDA kennen, sowie die übliche rechte Rhetorik.“  (Henry Lewkowitz, Geschäftsführer des Erich-Zeigner-Haus e. V.)

Nach einer Demonstration der „Bürgerbewegung“ am 19. April hatten sowohl die Leipziger Internetzeitung als auch die LVZ bereits über Demonstrationsteilnehmer:innen aus dem rechtsradikalen und extremistischen Spektrum berichtet, die sich u. a. durch eindeutige Aufdrucke auf Kleidungsstücken hervorgetan hatten. Neben Anhänger:innen von LEGIDA und „Querdenken“ hatte auch die Gruppe „Freie Sachsen“ die Demo unterstützt und zur Teilnahme aufgerufen. Hinter der als bürgerliche Sammlungsbewegung gegen die Corona-Politik inszenierten Gruppe stehen u. a. NPD-Funktionär Stefan Hartung und Martin Kohlmann von „Pro Chemnitz“, der auch durch Beziehungen zur verbotenen rechtsextremen Organisation „Nationale Sozialisten Chemnitz“ (NSC) vom Verfassungsschutz des Freistaats beobachtet wird.

Wir vertreten die Auffassung, dass eine Kritik an Aspekten der Corona-Politik zweifelsohne legitim ist. Doch wenn Menschen ohne Berücksichtigung der Maßnahmen auf die Straßen gehen und die eigene Kritik und Unsicherheit unhinterfragt an rechte Parolen verfassungsfeindlich gesinnter Gruppierungen koppeln, können wir das nicht unkommentiert lassen. Wir wollen daher gemeinsam mit dem Leipzig.Courage zeigen e.V. zum Gegenprotest aufrufen. Schon in der Vergangenheit haben wir mehrfach vor dem Völkerschlachtdenkmal gegen rechte Aufmärsche mobilisiert.

Nachdem mittlerweile auch bekannt ist, dass die rechtsradikale Kleinstpartei „Der III. Weg“ anreisen wird, die vielen vor allem durch uniformierte Fackelaufmärsche und ihre positiven Bezüge auf das „Deutsche Reich“ und den Nationalsozialismus bekannt sein dürfte, wird es nach heutigem Stand mehrere in Leipzig verteilte Aktionen geben.
Denn diese Positionen können wir nicht unwidersprochen lassen – nicht am 1. Mai und auch an keinem anderen Tag.

Da sich erste Pläne/Termine für den Gegenprotest durch die nun bekannt gewordene Anreise der Partei „Der III. Weg“ notwendigerweise nach hinten verschoben hat, sei an dieser Stelle auf die Internetseite des Aktionsnetzwerks „Leipzig nimmt Platz“ sowie deren Facebookseite verwiesen.
Wer an den Kundgebungen/Veranstaltungen mitwirken möchte, kann diese Seiten zur Selbstinformation nutzen – hier werden Updates und aktuelle Informationen veröffentlicht.

Wir bitten wie immer um die Berücksichtigung aller gültigen Auflagen zum Infektionsschutz im Falle einer Teilnahme.

Das Team vom Erich-Zeigner-Haus e.V.

 

 

Presse
gepostet am: Dienstag, 20.04.2021, 14:04 Uhr

Stolpersteinverlegungen & Gedenktafel-Einweihung am 19.04.2021 in Leipzig und im Leipziger Land – ein Rückblick

Gestern haben wir in Geithain, Bad Lausick und Pegau Stolpersteine verlegen und in Leipzig eine Gedenktafel zu Ehren eines „Stillen Helden“ einweihen können. Heute möchten wir auf diesen besonderen Tag zurückblicken und ein paar Eindrücke der Verlegungen mit Ihnen und Euch teilen.

Aufgrund der aktuellen Lage wurden alle Veranstaltungen im Rahmen angemeldeter Kundgebungen und unter Einhaltung der entsprechenden Maßnahmen zum Infektionsschutz durchgeführt. Wir freuen uns, dass es trotz der widrigen Umstände möglich war, den verschiedenen Personen und ihren Geschichten zu gedenken und bedanken uns bei allen, die daran mitgewirkt, die Projekte unterstützt oder an den Veranstaltungen gestern teilgenommen haben.

 

Geithain

In Geithain wurde ein Stolperstein für Paul Weise in der Eisenbahnstraße 1b verlegt. Gedacht wurde dadurch nicht nur dem ersten Bürgermeister Geithains, sondern auch einem ehemaligen Sozialdemokraten und Kommunisten, der aus politischen Gründen durch das nationalsozialistische Regime verfolgt, mehrfach inhaftiert und gefoltert worden war. Nach der Befreiung wurde Weise für sein anhaltendes politisches Engagement als „Kämpfer gegen den Faschismus“ geehrt sowie mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Bronze ausgezeichnet. Nun konnten wir ihm an seiner letzten freiwilligen Wohnstätte in Geithain ebenfalls gedenken. Das Projekt hatte im Frühjahr 2020 begonnen und war mit Schülerinnen und Schülern der Paul-Guenther-Oberschule in Kooperation mit dem Flexiblen Jugendmanagement (FJM) sowie dem Schweizerhaus Püchau e.V. durchgeführt worden. Auch die Schulleitung der hiesigen Oberschule nahm an der Verlegung des Stolpersteins teil und sagte ein paar Worte. Eine besondere Freude war es, dass die mittlerweile 100 Jahre alte Tochter (geb. Gertrud Weise) von Paul Weise an der Veranstaltung teilnehmen konnte.

 

Bad Lausick

In Bad Lausick durften wir die verfolgten Kommunisten Dora und Walter Baunack ehren, die einst in der (heutigen) Fabianstraße 10 gelebt haben. Das Projekt hatte der Verein in Zusammenarbeit mit der Werner-Seelenbinder-Oberschule durchgeführt. Durch die Verlegung der beiden Stolpersteine wurden nun mittlerweile alle großen Opfergruppen der NS-Verfolgung in Bad Lausick durch Stolpersteine bedacht – so finden sich in der Stadt bereits Gedenksteine für verfolgte Juden/Jüdinnen, Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas sowie für Opfer der NS-Euthanasie.

Neben den Projektverantwortlichen, einigen Anwohner:innen und Passant:innen, der regionalen Presse und dem Motorradclub „Kuhle Wampe“ Muldental konnte auch Herr Bürgermeister Hultsch der Veranstaltung beiwohnen und ein paar Worte an die Teilnehmenden richten. Die Schülerinnen und Schüler haben die Verlegung selbst durch ein wunderbar ausgearbeitetes Rahmenprogramm begleitet.

Wenngleich die heute in Polen lebende Tochter der Baunacks leider aufgrund der derzeitigen Pandemielage nicht zur Verlegung der Stolpersteine für ihre Eltern anreisen konnte, wird am heutigen Dienstag ein Zeitzeugengespräch mit ihr und den Schülerinnen und Schülern über „Zoom“ durchgeführt. Wir freuen uns außerdem darüber, dass sie im Sommer, sofern es die Pandemie zulässt, gerne nach Leipzig und Bad Lausick kommen und die Steine besichtigen möchte.

Pegau

Am Nachmittag wurden dann in Pegau insgesamt fünf Stolpersteine in Erinnerung an verfolgte Jüdische Menschen in die Gehwege eingelassen. Dadurch kam ein Projekt zum Abschluss, das mit Schülerinnen und Schülern des Groitzscher Wiprechtgymnasiums sowie mit Konfirmand:innen aus Pegau durchgeführt worden war.

Am Kirchplatz 11 konnte nun nach mehrmaliger pandemiebedingter Terminverschiebung der jüdischen Familie Sternreich, bestehend aus Wilhelm Victor und Selma Sara (geb. Blonder) sowie ihren beiden Söhnen Georg und Leo/Leon, gedacht werden. Die Familie war im Oktober 1938 im Zuge der Polenaktion deportiert und später in das jüdische Viertel Bresko, das spätere Ghetto, gebracht worden. Über das weitere Schicksal der Familie liegen keine ausreichenden Informationen vor. Der Vater, Wilhelm Victor, gilt als umgekommen – seine restliche Familie als verschollen.

Nur unweit von der ersten Verlegestelle, in der Breitstraße 24, wurde anschließend ein Gedenkstein in Erinnerung an die Jüdin Ilse Charlotte Flade (geb. Arnholz) verlegt, die auch aufgrund ihrer Ehe mit einem nicht-jüdischen Mann 1944 nach Theresienstadt deportiert und dort im Alter von 53 Jahren ermordet wurde.

An den Verlegungen in Pegau nahmen um die 60 Personen teil – es macht uns jedes Mal sehr froh, dass wir auch aus der Zivilbevölkerung so viel Unterstützung für unsere Projekte bekommen. Uns erreichten direkte Dankesbekundungen für unser Engagement und unsere Arbeit, die auch als tagespolitisch wertvoll wahrgenommen wird.

Die Verlegungen wurden durch den Pegauer Posaunenchor sowie durch den Herrn Bürgermeister Rösel unterstützt, der ebenso wie die Gemeindepädagogin Eva Reiprich eine eigene Rede hielt. Die Konfirmand:innen, die von Frau Reiprich bei der Projektdurchführung betreut und begleitet worden waren, hatten überdies selbst eigene Redebeiträge vorbereitet.

    

Leipzig

Den Abschluss des Tages stellte dann um 16 Uhr die Einweihung einer Gedenktafel zu Ehren des „Stillen Helden“ Theodor Kranz dar. Zu seinen Taten im Leipziger Rettungswiderstand hatten Schüler:innen des Maria-Merian-Gymnasiums aus Schkeuditz recherchiert. Theodor Kranz hatte sich nach der Deportation und Ermordung seiner jüdischen Ehefrau Beate über mehrere Jahre hinweg für den Schutz ihrer Tochter Leonie Frankenstein und deren Familie eingesetzt. Und tatsächlich gelang es, die kleine Familie vor den Zugriffen der Gestapo zu verstecken und zu bewahren. Nach Kriegsende floh Kranz 1953 aus Leipzig. Bis zu seinem Tod 1980 lebte er in Übach-Palenberg, nahe der niederländischen Grenze.

Dem bereits 2013 posthum von der Israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrten Kranz konnte nun durch eine Gedenktafel an der Fassade des Hauses, in dem er zuletzt (nach der Ausbombung seines Wohnhauses in der Dresdner Straße 14) in Leipzig gelebt hatte, gedacht werden. Die Gedenktafel soll fortan an seinen selbstlosen Einsatz für die jüdische Familie erinnern, ihn als „Stillen Helden“ ehren.

 

An der Gedenktafeleinweihung an der Zschocherschen Straße 86 nahmen nicht nur Schülerinnen der Projektgruppe, sondern auch Interessierte und Familienangehörige teil. Der Schkeuditzer Oberbürgermeister Rayk Bergner reiste ebenfalls an und betonte in seinem Redebeitrag die Bedeutung der erinnerungskulturellen Projekte und der gelebten Zivilcourage, für die Theodor Kranz als Vorbild gesehen werden kann. Besonders bewegend war eine Audioaufnahme, über die sich der Ehemann der Leonie Frankenstein – der in Stockholm lebende Walter Frankenstein – mit persönlichen Worten an die Veranstaltungsteilnehmenden richtete. Aber auch für den Redebeitrag der Großnichte Karola Mehlhorn, die zusammen mit ihrem Cousin angereist war, sind wir sehr dankbar. Es sind diese persönlichen Geschichten und Erzählungen, die unsere Projekte und die darin behandelten Schicksale auch für uns umso mehr greifbar und lebendig machen.

Insofern es die Pandemie zulässt, ist im Sommer ein umfassenderes Familiengespräch angedacht.

Abschließend möchten wir uns als Verein für die besonders wichtige und bedeutsame Unterstützung aus der Zivilgesellschaft bedanken. Alle erinnerungskulturellen Produkte, die wir in Leipzig und im Leipziger Land in den öffentlichen Raum integrieren, werden ausschließlich mit Spenden finanziert.
Ohne diese Unterstützung könnten wir unsere Arbeit nicht durchführen – diese Arbeit, die auch in der aktuellen Zeit weiterhin enorm wichtig bleibt. Denn wir dürfen nicht vergessen, was geschehen ist. Nicht nur, weil es wichtig ist, sich an die Schicksale der NS-Verfolgung zurück zu erinnern, sondern auch, weil wir durch die Stolpersteine gleichermaßen mahnen – mahnen, nicht zu vergessen. Mahnen, aufmerksam zu bleiben, wenn uns Rassismus, Antisemitismus, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit begegnen. Mahnen, aufzustehen gegen diese gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit und einzustehen, für ein tolerantes und demokratisches Miteinander – denn noch immer gibt es diese Weltbilder und Ideologien und es bleibt unsere Aufgabe, alles daran zu setzen, dass sich die Geschichte niemals wiederholt. Hierzu gehört ferner, den erinnerungskulturellen Konsens in unserer Gesellschaft mit unserer Arbeit abzubilden.

Die Projekte wurden durch das Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“ des Freistaats Sachsen sowie durch die F.C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz gefördert.

 

Termine
gepostet am: Freitag, 16.04.2021, 12:04 Uhr

„Ökologisch. Demokratisch. Engagiert.“ – Deutsch-Französisches Kooperationsseminar gegen Rechtsextremismus

Vom 04.-07. Mai 2021 werden wir in Zusammenarbeit mit dem Förderverein Ökologische Freiwilligendienste (FÖF e.V.) und dem Büro für Hochschulkooperation der französischen Botschaft an einem zweisprachigen Seminar mitwirken, welches sich schwerpunktmäßig mit „Rechtsextremismus in Frankreich und Deutschland“ befassen soll. Bundesweite Referent:innen werden in diesem Zuge unterschiedliche Themen der politischen Bildung behandeln – so wird neben der Rhetorik von Rechtsextremist:innen uind dem rechtsextremistischen Frauenbild auch die politische Dimension von Erinnerungskultur und ihre transnationale Perspektive thematisiert. Weitere Informationen zu den zahlreichen Veranstaltungen sind im Programm einsehbar: Programm_Fachseminar_04.-07.05.2021

Anmeldung & Teilnahme:

Teilnehmen können bis zu 30 Personen im Alter von 18-63 Jahren.

Das zweisprachige Seminar wird aufgrund der pandemischen Lage digital (über „Zoom“) stattfinden und kann an einzelnen Tagen oder an allen 4 Tagen besucht werden.
Eine Teilnahme ist kostenlos und mit Voranmeldung möglich. Anmeldungen sind verbindlich bis zum 30.04.2021 hier möglich. Die entsprechenden Zugangsdaten erhalten alle angemeldeten Teilnehmenden wenige Tage vor dem Seminar.

Unterstützt wird das Projekt durch den Deutsch-Französischen Bürgerfond.

 

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